Spirituelle Haltestelle - Lesen

 

eine Initiative der Katholischen Kirchengemeinde

Seliger Nikolaus Groß


 

Ich spüre die Pizza kalt in mir -

oder: Wir essen italienisch

 

Wie kaum zwei andere Sprachen sind das Deutsche und das Italienische einander in liebevoller Beziehung verbunden: Italienische Wirte zum Beispiel mögen noch so akzentfrei Deutsch sprechen, sobald sie in ihrem Lokal stehen, verfallen sie in eine Art Mischsprache, ein Deutschitalienisch, sie grüßen italienisch, sie streuen in ihre deutschen Sätze immer wieder ein buono ein, und sie verwenden deutschitalienische Verben wie zum Beispiel mackene. Mackene heißt „Machen“, und es wird so konjugiert: i macke, du macke, er mackete, wir mackene, ihr mackete, sie mackene.

Seit längerer Zeit schon vermute ich, dass Kellner, die zu gut deutsch sprechen, aber in solchen Restaurants arbeiten wollen, spezielle Sprachrückbildungskurse besuchen müssen, einen Deutschitalienisch-Unterricht, des Lokalkolorits halber.

Der Deutsche seinerseits versucht, etwas von dem zurückzugeben, indem er probiert, Italienisch zu sprechen, was ihm nur selten gelingt. Andererseits stört ihn dieses Nichtgelingen nicht im Geringsten, er merkt ja nichts davon oder nur ausnahmsweise. In der Regel lebt er im wohligen Gefühl großer Weltläufigkeit weiter, wie zum Beispiel jener deutsche Gast in einer kleinen Bar im Cilento (das ist eine landschaftlich sehr hübsche Region in Kampanien im Süden Italiens), von dem mir Frau R. aus Aßling berichtete. Der Herr sei von der Terrasse ins Lokal gekommen und habe laut „Skonto!“ gerufen – statt il conto, wie der Italiener sagen würde. Ob er dann, wie verlangt, einen Preisnachlass bekommen habe, sei ihr, schreibt Frau R., aber nicht bekannt.

Das Interessante an Speisekarten in Italien ist nun, dass sie oft Dinge übersetzen, die gar nicht übersetzt werden müssten, weil aufgrund der erwähnten tiefen Zuneigung zwischen Deutschen und Italienern jeder Deutsche die italienischen Speisen kennt, um die es geht.

 

Spaghetti zum Beispiel.

Es dürfte keinen Deutschen geben, der Spaghetti nicht kennt, viele von uns wachsen mit Spaghetti auf, zwar leider nicht mit den unzählbaren Zubereitungsvarianten, in denen sie in Italien serviert werden – aber eben doch. Trotzdem tauchen Spaghetti in den deutschen Abteilungen italienischer Menülisten immer wieder als „Isolationsschläuche“ auf: Leserin A. aus Bielefeld fand in Rimini „Isolationsschläuche zum carbonara“, Herr D. aus Traunwalchen reiste nach Mallorca, um dort in einem chinesischen (!) Restaurant „Isolationsschlauch“ aufzufinden.

Ein zunächst unerklärliches Phänomen. Denn wer in einem Wörterbuch nachschlägt, wird in der Regel das Wort „Isolationsschlauch“ auf der deutschen Seite gar nicht finden – und wenn er es doch findet, wird es nicht mit spaghetti (und auch nicht mit spaghetto, denn spaghetti ist ja ein Plural) übersetzt, sondern vielleicht mit tubo di isolamento. Und ein solcher tubo ist nicht essbar, auch nicht für Deutsche. Und schon gar nicht für Italiener.

Liegt der Grund in der Verwechslung mit Maccheroni oder Bucatini, mit Röhrennudeln also, die rein optisch eine gewisse Ähnlichkeit zum hohlen Isolationsschlauch haben?

Nein, so ist es nicht, dann müssten ja auch alle Maccheroni- oder Bucatini-Gerichte „Isolationsschlauch“ heißen.

Der Grund ist weniger kompliziert er hat mal wieder mit den erwähnten Computerprogrammen zu tun, bei denen es keine direkte Übersetzung vom Italienischen ins Deutsche gibt. Man kann eben dort nur vom Italienischen ins Englische übersetzen. Und dann vom Englischen ins Deutsche.

Also: Spaghetti vom Italienischen ins Englische übersetzt heißt, nun ja, Spaghetti.

Im Englischen aber hat das Wort spaghetti noch eine zweite Bedeutung – und die lautet? Genau: Isolationsschlauch.

Bleibt die Frage, warum bei der Übersetzung vom Italienischen ins Englische diese Möglichkeit nicht genutzt wird. Warum kommt Babelfish hier nie zum Ergebnis Electrical insulating tube? Vielleicht weil Spaghetti auf Englisch nun einmal Electrical insulating tube ist.

Die weitere Frage, warum sich ein Computersystem, wenn ihm zwei Möglichkeiten für die Übersetzung offenstehen, gezielt für die falsche entscheidet, haben wir im Schweinefleisch-Kapitel schon behandelt: Das System überlegt sich offensichtlich stets beim Betrachten der Wörter, welches deutscher klingt oder aussieht. Da will es sich natürlich ganz klar für „Isolationsschlauch“ entscheiden, ein in seiner ganzen Anmutung zutiefst deutsches Wort, ebenso wie, zum Beispiel, Füllhalter.

Was sind „Füllhalter in unserer Leitung“, gefunden von Frau B. aus Berlin in Italien? Es muss sich um die Nudelart Penne handeln. Penne bedeutet sowohl „Füllhalter“ (im Plural, der Singular ist penna), als auch, nun ja, Penne. Aber „in unserer Leitung“? Dazu muss man wissen, dass der Wirt in diesem Fall ausnahmsweise zuerst vom Italienischen ins Französische oder eine dem Französischen ähnliche Sprache übersetzt hat, also Penne a modo nostro (Penne nach unserer Art) zu Stylos à notre direction. Was dann vom Französischen ins Deutsche übertragen (da direction auch „Leitung“ heißt) die erwähnte Speise ergibt.

Auf Englisch nennt der Dichter das Gericht übrigens Way our pens.

Es führen also viele Wege ins Falsche.

Und es ist auch nicht alles erklärlich, Gott sei Dank. Im Grunde ist das Unerklärliche das Schönste.

„Gegüllte Riesenravioli“ zum Beispiel, entdeckt von Herrn A. aus Stuttgart in der Nähe seines Wohnortes.

„Rigatoni mit Puttenfleischstreifen Champignon- sahen .sause“, von Leserin S. aus München aufgestöbert im (allerdings griechischen) Restaurant Meteora in Leiblfing. Puttenfleischstreifen? Wir kannten doch die Putten immer als kleine, spärlich bekleidete Barockengel. Wie entsetzlich grausam, ihr Fleisch in Streifen zu schneiden und zu essen! Und dann auch noch in „Champignon- sahen .sause“.

„Spaghetti mit Flusskrssehwanze und Zucchini“, wie sie mein Freund F. im La tazza d’oro, einem sehr netten Münchner Italiener fand. Was ein „Flusskrs“ ist, kann man sich ja noch denken, was aber mag ein „Sehwanze“ sein? Ich gab das probehalber mal bei Google ein und landete bei einem Aufsatz namens „Ueber automatische Bewegungen bei enthaupteten Enten (Vorläufige Mittheilung)“ von Prof. J. Tacharnoff in St. Petersburg, ein alter Text in einer alten Schrift, in der das c sehr unserem e ähnelt, sodass man (über Enten, denen man das Rückenmark durchtrennt hatte) zu lesen meint: „Eine dergleichen Ente macht von Zeit zu Zeit bestimmte Bewegungen mit ihrem Sehwanze...“

Immerhin klingt all das noch nach Essen, nicht wahr? Nun aber betreten wir die nächste Stufe der Speisesprache in ihrer deutschitalienischen Variante. Hier ist nicht mehr erkennbar, dass wir es mit Verzehrbarem zu tun haben.

„Zeichnet Ihnen das Werfen“ zum Beispiel, eingesandt von Frau H. aus Berlin, mitgebracht aus Italien. Oder: „Du raubst übergesprungen“ – Herr von D. aus Wiesbaden fand es in einem Lokal in Lucca.

Schließlich einfach „Hose“, Frau V. aus München kopierte sich vor Jahren eine italienische Karte, auf der dies stand.

Sprachwächter wird dies alles schwer erregen, vermute ich. Ihnen rate ich zu einer ihrer Gemütslage angepassten Speise wie „wütendes Mudelgericht“, das mir Herr D. aus Hamburg schickte, er fand es in Colle di Val d’Elsa in der Nähe von Siena, alternativ auch zu „Tomatensauce und Basilikum, Knoblauch und Öl, Carbonara, wütend“, das Leser L. auf der Karte des La Pergola in Castiglione Della Pescaia in der Toskana sah. Möglich drittens: „Motzarella“, dies auf einer Karte, die in Kopie hier vor mir liegt. Aber woher ich sie habe, weiß ich nicht mehr.

Leser K. erzählte mir nach einer Lesung in Leipzig die Geschichte seines Sohnes August. Der rezitierte den Song Ich bin stark von Gitte Haenning immer so: „Und ich spür wie nie zuvor die Pizza kalt in mir.“ Es heißt aber in Wahrheit: „Und ich fühl wie nie zuvor die Bitterkeit in mir.“

 

 

Aus: Axel Hacke, Oberst von Huhn bittet zu Tisch – Speisedeutsch für Anfänger Verlag Antje Kunstmann, München, 2012


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